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Als Digitaler Nomade unterwegs: Wie funktioniert das?

Digitale Nomade

Glaubt man den einschlägigen Informationsportalen der Millennials, sind heute unzählige Digitale Nomaden dauerhaft in der Welt unterwegs. So manchem Backpacker, der nach zwei Monaten Südostasien widerwillig wieder an den Büroschreibtisch und in die eigenen vier Wände zurückkehrt, erscheint das Leben der digitalen Nomaden oft wie ein Traum. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Leben mit Laptop und Smartphone

Frühere Generationen von Backpackern, die monate-oder gar jahrelang in der Welt umherreisen wollten, suchten sich immer wieder einfache Aushilfsjobs in den Gastländern: Sie kellnerten in Strandbars, pflückten Obst oder packten bei der Schafschur in Australien mit an. Weil diese Arbeiten jedoch immer häufiger von Billiglöhnern aus der mobil gewordenen dritten Welt erledigt werden, wurde es für die Backpacker schwieriger, sich ein Auskommen zu sichern.

Bis die voll vernetzten Millennials mit Laptop und Smartphones bewaffnet antraten. Sie verdienen ihr Geld selbständig mit und im Internet und sind damit völlig unabhängig von Büros und Unternehmen. Solange es eine stabile WLAN-Verbindung gibt, können sie überall arbeiten – eben auch von sonnigen Palmenstränden und quirligen Großstädten weltweit. Manchen gelingt es tatsächlich, nur wenige Stunden pro Woche mit dem Aktualisieren ihrer Blogs und Websites zu verbringen und Ihr Geld mit Affiliate-Marketing und Anzeigen zu verdienen. Überdurchschnittlich häufig sind dabei – logischerweise – die Travelblogger vertreten, die quasi über Monate hinweg ein Reisetagebuch führen, das wiederum von anderen Travelbloggern gelesen wird und so ordentliche Clickrates verzeichnet. Aber auch das Werben für Finanzdienstleistungen, Versicherungen und ähnliches ist erträglich, denn hier werden die üppigsten Beträge für Affiliates und Anzeigen gezahlt.

Wie werde ich Digitaler Nomade?

Digitale Nomade

Einfach den Laptop unterm Arm klemmen und einen One-Way-Flug nach Ko Phangan oder Sansibar buchen? So einfach ist es leider nicht. Ein wenig Ahnung vom Bauen und Betreiben einer ansprechenden Website sollte schon vorhanden sein. Wer sich von den unzähligen Travelbloggern abheben will um eine möglichst große Leserschaft zu erreichen, sollte außerdem ein ganz besonderes Gimmick haben. So gibt es Travelblogger, die überall auf der Welt möglichst abstruses Essen ausprobieren, supertrendy Insidertipps aufspüren oder die Wohnungen ihrer einheimischen Gastgeber fotografieren.

Am leichtesten haben es junge Millennials, die ohnehin noch bei Papa und Mama wohnen oder problemlos aus der Studenten-WG ausziehen können, denn sie können ihre gesamten Einkünfte in Hostelzimmer, Transport und Mahlzeiten stecken. Wer als Mittdreißiger auf einmal den Bürojob hinwerfen möchte, sollte sich vorher gut überlegen ob die Einkünfte als digitaler Nomade reichen werden, um sowohl die Miete für die eigene Wohnung zuhause in München oder Berlin zu zahlen und das Leben on the Road – vor allem, wenn irgendwann eine Rückkehr geplant ist und die Suche nach einer neuen Wohnung durch die explodierten Mietpreise in den Großstädten erheblich erschwert wird.

Auch Fragen nach der Versteuerung des Einkommens, Beiträgen zur Sozialversicherung, etc. sollten geklärt werden. Wer die eigene Wohnung aufgibt und keinen festen Wohnsitz mehr hat, ist als Offshore-Unternehmer quasi von aller Steuerpflicht befreit. Klingt erstmal toll, allerdings gibt es auch keine Krankenversicherung mehr. Blöd, wenn dann das Denguefieber in Brasilien zuschlägt oder ein Motorradunfall in Laos mit einem gebrochenen Arm endet. Auch stellt sich die Frage, wie das Leben „später“ aussehen soll, wenn viele Jahre keine Rentenbeiträge gezahlt wurden. Dies sollte niemanden von einer unkonventionellen Lebensplanung abhalten, jedoch zunächst beim Pläneschmieden berücksichtigt werden.

Erst einmal probieren

Das digitale Nomadentum wird zwar gerade als ganz großes Lifestyle-Ding angepriesen, doch der Schritt will wohlüberlegt sein. Am besten ist es, erst einmal eine gewisse Zeitspanne – zum Beispiel ein Jahr Auszeit vom Studium oder nach dem Abschluss- einzuplanen und zu testen, wie sich das Leben als Backpacker überhaupt anfühlt. Viele merken erst dann, dass sie das Zuhause als Anker- und Ruhepunkt im Leben brauchen oder dass sie Familie und Freunde dann doch arg vermissen. Oberflächliche Kontakte, die unterwegs geknüpft werden, sind nie ein Ersatz für die besten Freunde aus gemeinsamen Schultagen und 5000 Likes auf Instagram kein Ersatz für ein gutes Gespräch.

Auch wird sich erst mit der Zeit herausstellen, ob die Einkünfte aus den eigenen Internettätigkeiten überhaupt ausreichen um davon durch die Welt zu ziehen. So mancher digitale Nomade hat sich nach drei Monaten in einer vietnamesischen Strandhütte und ohne Geld für die Weiterreise dann doch sehr gefreut, wenn Mutti das Rückflugticket nach Deutschland bezahlt hat. Elf Monate im Jahr gutes Geld zuhause verdienen und dann mit viel Genuss echten Urlaub machen, hat schließlich auch seine guten Seiten.

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