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Geht gar nicht: Begpacking in Südostasien

Seit einigen Tagen macht der Begriff Begpacking die Runde im Internet. Angestoßen wurde die Debatte von der in Singapur lebenden Autorin Maisarah Abu Samah, die auf ihrem Twitter-Account Bilder von bettelnden westlichen Touristen veröffentlichte. Konkret ging es um zwei junge Pärchen: Das eine Pärchen versuchte sich mit Gitarre und Mundharmonika Geld zu erspielen, das andere Pärchen verkaufte Postkarten-Ausdrucke ihrer Reisebilder. Im streng regulierten Stadtstaat Singapur erregte dies prompt Aufmerksamkeit, während es in anderen asiatischen Metropolen wie Bangkok scheinbar längst üblich ist. Schon bald tauchten auf Twitter weitere Bilder junger westlicher Reisenden in Südostasien auf, darunter auch solcher, die ganz einfach mit einem Schild in der Hand um finanzielle Unterstützung ihrer Reise bettelten.

Das Phänomen Begpacking

Man muss sich dies einmal auf der Zunge zergehen lassen: Junge wohlhabende westliche Touristen finanzieren sich eine monatelange (oder jahrelange) Backpacking-Tour in Südostasien, indem sie einheimische Menschen anbetteln, deren Einkünfte weit unter den Durchschnittseinkünften in Westeuropa liegen und die selbst bestenfalls einmal in die Nachbarländer gereist sind, sich aber ganz sicher keine mehrmonatige Fernreise leisten können.

Für Ärger sorgt das Begpacking auch aus anderen Gründen: Für viele Einheimische sind die durchweg weißen Backpacker ein Zeichen des noch immer weit verbreiteten „White Privilege“: Als Weiße dürfen sie sich bis heute allerhand erlauben, das anderen gar nicht zugestanden wird. Zumal sie Geld für etwas verlangen, das in den meisten Ländern der Welt bis heute als purer Luxus gilt – während echte Bettler dringend auf Spenden angewiesen sind um beispielsweise ein Dach über dem Kopf zu finanzieren, Lebensmittel für ihre Familie oder Schulbildung für die Kinder.

Eines der unrühmlichsten Beispiele für Begpacking ist übrigens ein Deutscher: Benjamin Holst geistert bereits seit Jahren durch Südostasien. Er nutzt dabei eine genetische Erkrankung, die zu einem permanent stark geschwollenen linken Bein führt, als Vorwand zum Betteln. Anschließend protzt er bei Facebook damit, dass er das erbettelte Geld für teure Hotels, Restaurants und Prostituierte (!) ausgibt.

Warum Begpacking auch andere Reisende angeht

Natürlich gibt es noch immer Unterschiede: Wer sich als Straßenmusikant in Singapur oder Hong Kong versucht, ist lediglich kulturell unbewandert, denn im Europa der offenen Grenzen ist es schließlich nichts Ungewöhnliches, dass z.B. junge Backpacker aus den kalten nördlichen Ländern mehrere Monate in den warmen Mittelmeerländern unterwegs sind und sich mit der Gitarre oder einem anderen Instrument in der Hand etwas dazu verdienen. In Asien ist „Busking“ dagegen weitestgehend unbekannt.

Dennoch ist dies verzeihlicher als echtes Begpacking, d.h. das Anbetteln der Einheimischen um Geld für die Weiterreise und die Verlängerung eines absoluten Luxus – des Urlaubs. Schamlose Begpacker werfen ein schlechtes Licht auf Backpacker in aller Welt. Sollte sich dieses Phänomen weiter ausbreiten, könnte es sogar Visa-Restriktionen nach sich ziehen. Menschen aus Drittländern, die sich heute z.B. um ein Schengen-Visum bewerben, müssen beim Visaantrag einen Nachweis über ausreichende finanzielle Mittel vorlegen können. Für Einreise in südostasiatische Länder (die oft nicht mal ein Visum verlangen) ist dies derzeit noch nicht erforderlich. Sollte sich das Begpacking weiter ausbreiten, kann es jedoch sein, dass bald auch die ersten Länder der Region ähnliche Nachweise verlangen.

Es geht auch anders

Letztendlich genügt es hoffentlich, die Aufmerksamkeit der Community auf das Phänomen Begpacking zu lenken und klar zu machen, dass dies einfach nicht geht. Aber auch die Einheimischen sind gefragt: Warum den weißen Begpackern etwas in den Bettelhut werfen, statt den einheimischen Bettlern, die tatsächlich auf Wohltätigkeit angewiesen sind? Wer das Begpacking unterstützt, muss sich nicht wundern, wenn die ersten erfolgreichen Begpacker Nachahmer finden.

Übrigens: Wer aus irgendwelchen Grund nicht fähig ist, sich das Geld für eine lange Backpacking-Tour vorab anzusparen oder unterwegs einen Nebenjob zu finden, kann auch online betteln ohne sich auf den Straßen Südostasiens zum Gespött zu machen. Dies geht über normale Crowdfunding-Seiten wie Gofundme.com und mittlerweile sogar über spezielle Crowdfunding-Seiten wie fundmytravel.com. Allerdings hilft es hier ungemein, eine sinnvolle Geschichte zu präsentieren. Wilde Tiere retten oder Wohltätigkeitsorganisationen unterstützen wollen, kommt einfach besser an als der spirituelle Selbstverwirklichungstrip rund um die Welt für 10.000 US-Dollar.

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